Ganzheitliche Psychotherapie: Einheit von Körper, Geist, Seele und Herz

Fachartikel von Robert Riedl

Ganzheitliche Psychotherapie erfasst Personen in ihrer Einheit aus psychischen, biologischen, sozialen und ökologischen Prozessen. Psychotherapie im Gehen ermöglicht so eine ganzheitliche Erfahrung für Körper, Geist und Psyche. Im therapeutischen Gehgespräch wird unsere Leib-Seele-Ganzheit noch erlebbarer und innerhalb der Natur spürbarer.

Unbestreitbar sind Menschen biologische und psychische Wesen. Psychotherapeuten können Seele, Leib und Geist nur theoretisch trennen. Tatsächlich geht psychisches und physisches Geschehen fließend ineinander über. Vereinfacht gesagt: Wer sich niedergeschlagen und depressiv fühlt, wird eine geknickte Haltung einnehmen. Aber wer gelassen und ausgelassen die Beine schwingt, wird sich beschwingt und gut gelaunt fühlen.

Genauso wichtig für den therapeutisches Erfolg ist es, die öko-sozio-kulturellen Dynamiken des jeweiligen Lebens zu berücksichtigen. Als Individuum mit Körper und Seele sind wir in sozialen Systemen (wie Familie oder Gemeinschaften) eingebunden. Außerdem lebt man seit jeher in ökologischen Umwelten. Sozusagen kann der Mensch als "Werk der Natur" betrachtet werden. Man spricht wortwörtlich von der menschlichen Natur, wenn versucht wird das Wesen des Menschseins zu begreifen. Zugleich entwickelt sich unsere Persönlichkeit aus gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen (wie Erziehung, Werte oder Normen). Und schließlich sind wir auch Produkt unserer selbst. Das heißt: jeder ist vor allem das, was er in sich selber sieht und wie er das eigene Leben bewertet.

Das bio-psycho-soziale Gesamtmodell des Menschen kommt aus der sogenannten Systemtheorie. Die Systemische Psychotherapie, nach der die meisten Therapeuten in Österreich (und auch ich) praktizieren, setzt es in die Praxis um. Wem es gelingt Körper, Gefühle und Gedanken, Gesellschaft und Natur in Einklang zu bringen, erlebt Vitalität und Wohlbefinden. Umgekehrt entwickelt man ein höheres Maß an Beziehungsfähigkeit und Verbundenheit mit der Welt, wenn es uns rundum gut geht. Der Psychotherapeut Daniel Stern erforschte dazu die menschliche Vitalität. Er sah Lebendigkeit als „eine Gestalt, die aus den theoretisch separaten Wahrnehmungen von Bewegung, Kraft, Zeit, Raum und Intention hervorgeht.“ – Diese vitalen Dimensionen gilt es in der Psychotherapie zu beherzigen, um Personen wieder in ein gesundes Gleichgewicht zu bringen. Auch dem Gehen wohnen wie jeder Therapie immer Bewegung und Energien, Zeit und Raum sowie eine Richtung oder Absicht inne. Man begibt sich sozusagen auf eine Reise nach innen. Wohl nicht zufällig drückt sich unsere seelische Befindlichkeit im Zeitwort gehen bzw. ergehen aus. Mit der Begrüßung "Wie geht´s?" fragen wir nach, ob es uns wohlergeht?

Psychotherapie im Gehen bringt Körper und Seele ganzheitlich in Balance. Spannungen sowie Stress werden abgebaut. Die gehende Aktivität unterstützt Regulierungskräfte des Nervensystems und regt das Wachstum unserer Gehirnzellen an. In der physischen und psychischen Bewegung kann man sich sowohl mit der Umwelt als auch mit sich selber auseinandersetzen. Durch das äußere Voranschreiten schreitet auch in uns etwas voran. Neue Gedanken und Perspektiven werden möglich. Denken und Gehen lassen sich gut miteinander verknüpfen. Die frische Luft hilft uns den Geist zu klären, um klarere Entscheidungen treffen zu können. Gefühle kommen und gehen wieder. Wir sind bewegt und werden bewegt. Die Rhythmen unserer Schritte und Atemzüge geschehen automatisch. Beides verbindet unser Inneres mit dem Außen. Mit jedem Schritt berühren unsere Fußsohlen die Erde. Wir erden uns im Gehen. Auch die Atmung verbindet uns ständig mit der Außenwelt. Ein- und Ausatmen lässt unser Innen mit dem Außen fließend ineinander übergehen. Man kann ins Aufsetzen der Füße oder in den Atmen bewusst eingreifen. Wir steuern unsere Muskelkraft und Gehbewegung, um mehr in Kontakt mit uns selbst oder mit unserer Umwelt zu gelangen. Wir können das natürliche Grün sinnlich erfahren und "Mutter Natur" sehen, hören, riechen, auf der Haut spüren und sogar schmecken. Unter freiem Himmel werden innerliche Prozesse angestoßen und können dem Bewusstsein zugänglicher gemacht werden. In der Natur können wir unserer eigenen Natur gut auf die Spur kommen. Das erlebte Eingebunden-Sein im Ökosystem stärkt nämlich das Intuitive und Imaginative. Es öffnet einen ganzheitlicheren Zugang zu den Tiefen unserer Seele. Wir werden nach außen sowie nach innen achtsamer und vergegenwärtigen, was im eigenen Gemüt, im Körperbewusstsein und im Spiegel der Umwelt auftaucht.

Gehen kann als Sinnbild für das Leben selbst aber auch für eine Psychotherapie gesehen werden: es bedarf einem Aufbruch, einem Ziel und einem gangbaren Weg. Unsere Reise wird ab dem ersten Schritt zum Vorhaben, das vollendet werden möchte.


 
 
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