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Das himmlische Spiel. Erzählung

http://www.lichtungen.at/
"Weltliches und Spirituelles, Polizistin und Novizin am Schnittpunkt Fußballevent." (Kleine Zeitung, 11. Juni 2004)
 
"...hat den Status absoluter Pflichtlektüre." (Kleine Zeitung, 18. April 2005)

1
Evelyns Leidenschaft ist nicht mehr europäischer Fußball. Evelyn ist nicht mehr 19 Jahre alt. Evelyn spielt nicht mehr die Rollen, die man ihr gibt. Evelyn ist nicht mehr die Frau, die sie sein will. Evelyn ist nicht mehr die Mutter, die sie sein möchte. Evelyn ist nicht mehr die Polizistin, die sie ist. Evelyn weiß nicht mehr, wer sie ist. Evelyn trägt nie wieder ihre Dienstwaffe. Es gibt immer Augen- oder Ohrenzeugen.

Zwei Augen sahen es - vier Ohren hörten es: Barbara trägt nie wieder ihr Kreuz. Barbara glaubt nicht mehr, dass sie geliebt wird und die Liebe ist. Barbara glaubt nicht mehr, dass ihr verziehen wird und die Liebe ist. Barbara glaubt nicht mehr, dass Gott schweigt und die Liebe ist. Barbara glaubt nicht mehr, dass Jesus Christus spricht und das Leben ist, glaubt nichts mehr, was sie geglaubt hat. Barbara geht nicht mehr ins Kloster zurück. Barbara ist nicht mehr 20 Jahre alt. Und Barbaras Leidenschaft ist nicht mehr Kriminalliteratur.


2
Barbaras Vater war Polizist. Seine große Leidenschaft war europäischer Fußball. Das war irrsinnig kameradschaftlich, ein irrsinniger Zusammenhalt. Das war schon ein irrsinniges Gefühl, wenn man da dabei war. Das war so irrsinnig getragen von dieser irrsinnigen Motivation. Das kann man nur wissen, wenn man selber einmal dabei war - bei diesem Irrsinn.
Evelyns Vater war Pastor. Kriminalliteratur war seine große Leidenschaft. Gott hatte auch für ihn einen gewaltigen Plan. Für jeden Vater muss es ein gewaltiger Schock sein. Man geht jeden Sonntag doch in die Kirche, damit das erledigt ist. Man kann so etwas nicht einfach schlucken. Evelyns Vater glaubte nicht, dass seine einzige Tochter auserwählt war. Wer kann schon von einem gewaltigen Bekehrungserlebnis berichten?

In Österreich ist man auch nur jemand unter Tausend. Tausend Bewerber, zwölf werden aufgenommen. Man schließt ab mit der Dienstprüfung, wird beamtet und bekommt den Revierinspektor verliehen. Nun ja, das bleibt dann bis ins Alter so. Dann bekommt man den Gruppeninspektor, der ist Bronze, E2C. Man kann dann E2B anstreben - das ist das Höchste in der unteren Verwendungsgruppe und das Niedrigste in der mittleren Verwendungsgruppe: die ist Silber. Das nächste ist Bezirksinspektor. Das Höchste ist E2A, also Chefinspektor. Funktionsgruppe E1 sind die Offiziere. Das ist Gold! Aber das wollte Evelyn nie.

Bei der Wahl eines Organspenders sind das Körpergewicht und die Körpergröße ausschlaggebend. Die zunehmende Knappheit an Spendeorganen zwingt zu einer sorgfältigen Auswahl. Für jeden Kandidaten muss individuell entschieden werden, ob er für eine Herztransplantation in Frage kommt. Es besteht ja immer Knappheit an geeigneten Spendeorganen. Die ständig zunehmende Empfängerzahl auf der Warteliste und das knappe Angebot an geeigneten Organen zwingt die Transplantationszentren zu einer besonders sorgfältigen, raschen und sicheren Auswahl der Herzen.
Aber darüber hatte Barbara nie nachgedacht.
Evelyn war elf und Barbara zwölf Jahre alt, als ihre Väter 1982 gemeinsam und für immer zur Fußballweltmeisterschaft nach Spanien fuhren. Barbaras Vater starb an Genickbruch, Evelyns Vater an inneren Blutungen. Evelyn ging 1990 zur Polizei, Barbara ins Kloster. Evelyns Leidenschaft wurde europäischer Fußball, Barbaras Kriminalliteratur.

Zum Krimilesen kam Barbara nicht mehr wirklich, aber ewig praktisch war, dass sie sich nie mehr ums Kochen kümmern musste. Wenn eine Frau ins Kloster soll, kommt sie - egal wie viele Jahre vergehen.
Das Wichtigste war, dass Barbara einen Schulorden hatte. Dort waren sieben Schwestern, die unterrichteten, und etwa 40 weltliche Lehrerinnen. Im ganzen Haus gab es genau 72 Schwestern. Auf der ganzen Welt war Barbara auch nur jemand unter Tausend. Benediktinerin oder Karmeliterin – das hätte sie keine Woche ausgehalten. Aber man muss, so oder so.
Zweimal am Tag hat man Gebetszeit: sechs Uhr früh und sechs Uhr abends. Dazwischen erledigen alle ihren Job. Sonst hat man keine fixen Gebetszeiten. Vorgesehen sind eineinhalb Stunden persönliches Gebet, aber das können sich alle selber einteilen. Die Tagesordnung ist sehr locker. Barbara freute sich immer, wenn Ehefrauen es nicht eigenartig fanden, dass sie Schwester war. Eigentlich war es irgendwie auch irrsinnig normal.
Barbara glaubte nicht, dass sie auserwählt war. Barbara fragte sich nie, wie das wunderschöne Leben so wäre… Niemand denkt jeden Tag darüber nach. Wenn man verheiratet ist, denkt man auch nicht jeden Tag darüber nach, was der tiefere Sinn der Ehe ist. Aber man kann sich nicht ewig alle Wege offen lassen. Man heiratet, man bleibt allein, oder man geht ins Kloster. Irgendwann muss sich jeder entscheiden.
Es gibt zu allen Dingen Vorschriften. Es gibt sogar einen Halsketten-Erlass: keine Halskette - auch keine Eheringe, um der Verletzungsgefahr vorzubeugen. Man muss sich ans Waffengebrauchsgesetz halten und trägt im Außendienst immer die Dienstwaffe, Pfefferspray und Handfesseln: man muss der gesetzlichen Verpflichtung zur Zwangsgewalt nachkommen. Aber es gibt überall auch sehr nette Kollegen.
Das hatte sich dann damals irgendwie so ergeben, dass Evelyn 1998 gemeinsam mit dem Ispettore Capo, dem Polizeihauptmeister, nach Frankreich zur Fußballweltmeisterschaft fuhr. Sein erstes Kind ließ sie noch vorschriftsmäßig abtreiben.

Evelyn war 19 Jahre und Barbara 20 Jahre alt, als sie 1990 gemeinsam und für immer zur Fußballweltmeisterschaft nach Italien fuhren. Doch das Leben blieb schön - unabhängig davon, welche Meinung beide bald darüber hatten.


3
Das Tolle am Fußball ist das Emotionale. was Evelyn besonders gefallen hat, war: wenn die Männer geweint und sich umarmt und abgeküsst haben. Beim ersten Länderspiel, wo sie selber dabei war, haben Evelyn und ihr Papi Urwaldlaute gemacht - in der anderen Mannschaft war ein Neger im Tor. Sie haben auch Bananen hinein geworfen, aber Evelyn hat gedacht, dass Fußball die beste Möglichkeit wäre, um radikal abzuschalten. Da muss niemand nachdenken, was man da tut. wenn man ein Buch liest, wird man ja immer irgendwie mit sich selber konfrontiert.
Argentinien 1986 - die Fußballweltmeisterschaft war das erste, an das Evelyn sich erinnern konnte. Sie hatte sich eigentlich schon immer für Fußball interessiert, schon von klein auf. Evelyn hatte genau gegenüber der Schule gewohnt, und vorm Fernseh-Schauen hatte sie immer hinüber zum Fußballplatz geschaut, ob da wer spielt. Ein paar Meter weiter war der Pfarrplatz, und dort hat Evelyn später immer mit den Jungs gespielt. Daran hatte auch Barbara sich stark erinnern können. Das war immer das Größte für die jungen Teenies. Angeblich hat Evelyn das Laufen sogar mit dem Fußballspielen gelernt. Ball, das war jedenfalls ihr erstes Wort. Evelyn ist ja völlig ohne weibliche Bezugsperson aufgewachsen. Sie konnte sich nicht erinnern - ihr Papi hatte die Mami mit keinem einzigen Wort erwähnt.
Als reifer Teenager hatte Evelyn sehr viel Fußball gespielt. Im Mädchenheim hatte es diese Mauer gegeben. Da brachte sie sich das technische Rüstzeug bei: links 40 Mal, dann rechts - dann mit dem Kopf. Sie hatte stundenlang gegen die Wand gespielt. Damals hatte es das System gegeben: Libero, Vorstopper, Manndecker, rechts und links. Jahrzehnte später gab es dann die Viererkette. Verteidiger war sie aber nie gern. Bei den Jungs durfte sie manchmal im Mittelfeld spielen. Das war ihr viel sympathischer. Stürmer war sie jedoch nie. Die Stürmer waren die Stars, die schossen die Tore und standen immer im Mittelpunkt. Wenn sich ein Stürmer oder ein Mittelfeldspieler einen Fehler erlaubte, war das kein Problem. Bei einem Verteidiger, oder beim Tormann, war das schon etwas anderes.
In Afrika ist es bis heute so, dass der ins Tor muss, der am untersten in der Hierarchie ist. Wenn der stolpert oder den Ball verfehlt, ist das noch einmal etwas ganz anderes. Mit einem Tormann hatte Evelyn nie etwas - die waren damals auch selten in der Mädchendusche zu finden. Ihr war sofort aufgefallen, dass das einzige Manko bei Afrikanischen Mannschaften der Tormann war. Später glaubte Evelyn, dass jeder Fußballprofi ein guter Familienvater wäre: so ein Familien- und Kinderfreund. Sie glaubte nicht, dass irgendein Fußballprofi ein Kind schlagen könnte.
Erinnerungen sind im Grunde doch vergangene Erwartungen, die immer noch auf irgendein Morgen warten.


4
Evelyns neue Liebe und Evelyn wollten sich dieses WM-Match gegen Senegal eigentlich gar nicht anschauen.
Der Irrsinn war, als Evelyn nach Italien gegangen war, dass damit eine Phase in ihrem Leben begonnen hatte, in der sie sich überhaupt nicht mehr für Fußball interessierte. Seit sie in Napoli lebte, war in ihrem Leben eigentlich immer etwas los. Da musste sie nicht ins Stadium gehen, wo jemand schreit: Ich fick dich in den Arsch! Aber Evelyn war sich ziemlich sicher, dass dieser Mann die Liebe ihres Lebens wäre.
Er war Fußballprofi. Evelyn glaubte ja nie daran: an Liebe auf den ersten Blick, aber das war damals wie bei ihrem Papi und der Mutter - obwohl Papi war ja bei der österreichischen Polizei, Bezirksinspektor und nie verheiratet und so. Er war zwar Jahre jünger als sie, aber das machte ihr nichts aus. Wichtig ist doch die Persönlichkeitsentwicklung. Wichtig ist, dass man die eigenen Werte überdenkt.
Meistens traf Evelyn Entschlüsse, die sie nicht vorhersah. Zum Beispiel Tommi. Ihr Kleiner hatte schon einen irrsinnigen Schock ausgelöst. Es war schon irrsinnig schwierig: Evelyn stand keine Woche nach der zweiten Abtreibung wieder voll im Berufsleben. Aber es ging irgendwie. In jedem Leben gibt es stärkere und schwächere Persönlichkeiten, die einem stärker oder schwächer prägen. Wichtig war, dass sie Tommi ihre Werte vermitteln konnte. Evelyn schaffte es auch immer irgendwie, etwas für ihr Leben mitzunehmen. Er hatte nichts dagegen, dass sie einen vierjährigen Sohn hatte. Auch wenn er nicht der Papi war, aber fest stand mit dem ersten Augenblick: Er liebte ihn auch irrsinnig.
Er war Stürmer bei einer der wichtigsten Mannschaften des europäischen Fußballs, genau gesagt: Mittelstürmer bei AC Milan. Evelyns Leben befand sich damals, wie gesagt, in einer irrsinnigen Umbruchphase. Es war wirklich irrsinnig schwierig, für sie darüber zu reden. Es war irrsinnig schwierig, das irgendwie zu definieren.
Hätte sie Barbara in ihrem letzten Brief schreiben sollen: Wir berühren unsere Seele und wühlen unser Herz auf. Auf unseren Küssen liegt das schöne Leben, und wir glauben, wir schweben und gehen im Glück über. Unser spöttischer Mund lacht und liebt uns doch so sehr, dass er zu lachen aufhört, wenn wir unsere Zunge darauf legen, rhythmisch und voller Sinnlichkeit wie auf grünem Spielfeld, wie im hellgrünen Sechzehner, wie im Dickicht des Tors, wie in unseren Augen in unserer Unendlichkeit, im Dickicht unserer Arme.
Evelyn wollte ihm immer sagen, dass sie heiraten möchte. Früher oder später bräuchte er sowieso eine richtige Staatsbürgerschaft. er brauchte ihren Schutz, und ihre Liebe des Lebens - der Irrsinn dabei war, dass er Schwarzafrikaner war. Jesus Junior kam von der Elfenbeinküste.


5
Das Problem wäre, sagte Jesus Junior, dass er nie Schmetterlinge im Bauch hatte.
Im Protokoll stand, dass es zu keiner Anwendung von einsatzbezogener Körperschaft mehr gekommen war. Es war, hieß es weiter, auch keine maßhaltende Gewalt notwendig. Evelyn hatte – kurz gesagt – vor sich selber am meisten Angst. Das Schlafzimmerfenster stand weit offen. Sie konnte nicht mehr schlafen. Der alte Boden hatte schlecht verfugte Bretter. Sie wollte ihre Augen nicht mehr schließen, als das ganze Blut die Ritzen verklebt hatte. Sie roch das ausgetrocknete naturbelassene Buchenholz, süßtrockenes Baumharz für einen Augenblick. Wenn sie ihre Augen geschlossen hätte, hätte sie auch das bleichblaue Gesicht ihres Sohnes gesehen.
Die Sekunden waren in gleichförmiger Ekstase vergangen, ausgiebige Momente, die falsch begonnen hatten und unrichtig aufgehört haben, ein bloßen Existieren von Augenblicken, zusammengefügte Bruchstücke mehrerer Katastrophen nebeneinander, eine Folge zweckloser Zufälligkeit, eine gescheiterte Wiederholung, der unzählbare Teil Gegenwart, ein Jetzt, das trübe Erinnerung gewesen sein wird, ein Zufall, weder widerlegt noch untermauert, das Schicksal akute Zufälle, weil irgendein Mensch abweicht, irgendwie gedankenverlorener als sonst und vom eigenen Weg, mutig resignierend vor dem eigenen Unglück, das dem Glück der anderen dient, weil alles Erlebte geglättet werden wird, weil es ausgebremst werden muss, weil es immer schon vereinfacht und reduziert geworden war mit vorsätzlichen Kurzschlusshandlungen.
Evelyn hörte, wie die Dienstautos der Stadtpolizei herbeirasten, die Türen der Einsatzfahrzeuge zugeschmissen wurden, und eine Beamtin der Polizia Municipale grell auflachte. Auch Barbara sah den dünnen festen Rauchfaden sich hochziehen: Eine unsichtbare Nikotinspinne, deren lichtblauer Faden sich kräuselt und auflöst, zittrig und schnell, wie kohlensäurehältige Luft. Evelyns Tat war nicht gesetzlich motiviert, obwohl ihre beste Freundin meinen hätte können: §1 Zufall, §2 Erwartung, §3 Missverständnis, §4 Enttäuschung (§4/1 Unklares Missverständnis, §4/2 Geklärtes Missverständnis), §5 Sättigung, §6 Übermut, und §7 Verhängnis (§7/1 Amoklauf, §7/2 Suizid).
Evelyn hatte zur Entspannung eine Zigarre geraucht, als sie hörte, wie die Carabinieri heraufstürmten. Sie war weder unruhig noch ruhig, gleichzeitig aber entweder ruhig oder unruhig: vielleicht war sie auf alles gefasst. Barbara hörte, wie die hellblonde Carabinieri ihre beste Freundin ausfragte, die unter dieser altrosa Decke splitternackt war. An Tommis gewesene Zukunft hatte Evelyn gedacht, an Gedanken, die wie Suchtgift waren, Gegengifte für resistente Sehnsucht, Gegengifte für kommende Gefühle. Nie. Niemals. Nicht. Nein. Evelyn wolle nie wieder in ein Stadium gehen, um nach einer latenten Person zu suchen, die keinen Grund für irgendein weiteres Treffen sah - oder für eine Heirat.
Es war viel zu still für einen Augenblick. Und bald sollte auch Barbara ihre Augen für immer öffnen können.


6
Ins-Kloster-gehen boomt seit Jahrzehnten. Über 150.000 Frauen gingen letztes Jahr ins Kloster, heuer werden mehr als 200.000 Novizinnen erwartet.
Was treibt Frauen auf allen Kontinenten dazu, ihr gewohntes Leben zu verlassen und ins Kloster zu gehen, aller Enthaltsamkeit und Einsamkeit zum Trotz? Ist es allein die spirituelle Energie eines Klosters? Oder ist es das allzumenschliche Bedürfnis, an die Grenzen der eigenen Physis und Psyche zu gehen, sich selbst zu erkunden und einen Blick hinter den Vorhang zu werfen?
Am Sonntag hatte Barbara noch ihr Kreuz getragen und Evelyn am Telefon einen Fußballwitz erzählt. Als Evelyn sie das erste Mal besucht hatte, trug sie auch kein Ordensgewand. Barbara sagte ihrer besten Freundin dann, dass sie keine Nonnenwitze kenne, aber Polizisten würden sich auch keine Polizistenwitze erzählen.

Barbara hatte Philosophie und Theologie in Rom studiert. Aber war so ein Studium nicht eher kontraproduktiv, um ins Kloster zu kommen. Vor vier Jahren hatte Barbara hier in der Filiale hier ihren Job bekommen. Inzwischen hatte sie Probleme mit Bibelstellen. Sie kam nicht mehr auf die Idee, die Bibel irgendwo aufzuschlagen und eine Stelle ernst zu nehmen. Rückblickend wären es einzelne Menschen gewesen, die sie zum Weg ins Kloster brachten. Es beschäftigte sie ein Jahr sehr. Dann hatte sie einen Traum. Dieser Traum habe ihr geholfen. So wäre sie Kandidatin geworden. Dann kam das Noviziat - da kann man zwei Jahre nicht heimfahren. In der schlimmsten Zeit hatte Evelyn sie jedes Wochenende besucht, und dann war es ihr etwas besser gegangen. Anfangs waren ja alle schockiert gewesen. Evelyn und Barbara hatten sich in einer Pizzeria am Piazza Sant' Egidio getroffen, und Barbara sagte es Evelyn dann gleich. Evelyn brach in Tränen aus und fragte, ob sie jetzt irrsinnig geworden wäre!? Evelyn wusste nicht, wieso jemand so irrsinnig sein könnte... Barbara hatte ja auch irrsinniges Bedenken gehabt - dass sich nun alles verändern würde und so. Aber Evelyn als beste Freundin verlieren - das wäre für Barbara irrsinnig fern gewesen. Dann hatte Evelyn sie in die Arme genommen und gesagt: Ach, du Arme! Somit war alles zur Kenntnis genommen.
Wenn man Kandidatin in Piano di Sorrento wird, ist es ein sehr langsames Sich-gegenseitig-kennen-lernen. Es dauerte ein halbes Jahr, bis Barbara abschätzen konnte, was man von ihr wollte. Man hat zuerst noch kein Ordensgewand, aber dann beginnen zwei Jahre Noviziat: Krankenabteilung, Wäscherei, Küche - da lernt man, wie gesagt, die anderen Schwestern besser kennen. Nach drei Jahren legt man dann die Profess ab, und nach weiteren drei Jahren kommt die ewige Profess. Man hat also acht Jahre Zeit, sich zu entscheiden. Für Barbara war es nun das achte Jahr. Aber sie dachte da nicht jeden Tag darüber nach. wenn man verheiratet ist, denkt man, wie gesagt, ja auch nicht jeden Tag darüber nach, was der tiefere Sinn der Ehe ist. Aber man kann sich nicht ewig alle Wege offen lassen. Man heiratet, man bleibt allein, oder geht ins Kloster. Irgendwann muss man sich entscheiden.
Jede Krise hat ein Ablaufdatum.


7
Was Barbara in den letzten acht Jahren gemacht hat, kann sie in einem Satz sagen: Sie hat viel gebetet und Metaphysik unterrichtet. Aber dann gibt es doch Schlüsselerlebnisse, da könnte man Stunden darüber erzählen.
Barbara hatte natürlich schon lange gespürt, dass ihr Leben im engen Piano di Sorrento sinnlos geworden war, in diesem kleinen Ort ganz ohne Freunde und immer so isoliert im Klostergemäuer? Barbara war dann - wie soll man sagen: eine gewisse Art von Bewusstsein wurde ihr aufgebürdet, von einer äußeren Macht und so. Die Sinnlosigkeit des Lebens lastete auf ihr wie ein sehr schweres Gewicht, und nach Evelyns Todesfall hatte sie plötzlich begriffen, dass, wenn das Leben tatsächlich ewig wäre, es eine sehr zynische Idee war. Gleichzeitig wurde sie von einer panischen Angst über das Fortdauern ihres Lebens nach dem Tod erfüllt, weil sie auf einmal wusste, dass es unendlich einsam sein muss. Und sie hat dann - tja, Barbara war einfach wirklich verzweifelt. So fuhr sie nach Rom und stand vor diesem gewaltigen Stadium, wo ihr ein Norddeutscher nachschrie: Ich fick dich in den Arsch! - Sie dachte, o Gott! Aber als es dann richtig losging in der Schlange an der Kassa, und die Sprechchöre im Olimpico dann erst begannen…
Das war wie Krieg.
Und überall diese Werbeslogans: Am Rücken, am Hintern, am Oberkörper, am Bauch - überall hatten die Fußballer diese Werbeslogans. Barbara wusste nicht, warum sie in dieses Spiel wollte, sie folgte da einfach ihrem Instinkt - weil sie so allein war. Und ihr Instinkt war schon richtig.
Die Novizin war mit ihrer Tribünenkarte ganz allein vor dem Eingang gestanden und hatte plötzlich seine Stimme gehört. Er sprach seine Worte zu ihr und sie wusste sofort, wer er ist, und dass er Er ist, und Barbara war ab diesem Augenblick nie wieder allein. Man muss sich das vorstellen: ohne ihn wirklich zu kennen! - Einfach diese intime Beziehung, die plötzlich zwischen Barbara und diesem Unbekannten war, und ohne zu wissen, dass sich Barbaras Leben nun wirklich ändern würde und so. Das wusste sie allerdings noch nicht. Sie wusste nur: Er hatte zu ihr gesprochen, und dass sie jetzt tun will, was er will.
Als er dann... dann in seinem lichtlila Kleinbus: Er hat dann ihr Ordensgewand etwas hochgezogen und ihr weißgoldenes Kreuz und seine raue Zunge - man weiß schon: Alles ist auf einmal wie Kirchenglas, gegen das man lautlos fliegt. Und als Barbara dann seinen Namen ausgeschüttet hatte - er hatte gar nicht gehört, dass sie Jesus Christus in sein faustgroßes Ohr hauchte -, als sie es also gesagt hatte, war der Himmel hinter dem Olimpico-Stadium auch schon völlig zerrissen. Und in diesem Augenblick war Barbaras Halskette mit dem goldenen Kreuzanhänger unter den Fahrersitz gefallen.
Wenn Barbara Augen dafür gehabt hätte, hätte sie um das zerrissene Erbe ihrer Oma weinen können. Und wenn Barbara noch Ohren für irgendetwas gehabt hätte, hätte sie vielleicht noch um ihren zertretenen Schmuck schreien können. Wenn Barbara noch ein Jungfernhäutchen gehabt hätte, hätte sie einen weiteren Blick hinter den Vorhang werfen können, und wenn Barbara noch ans ewige Leben geglaubt hätte, hätte sie ihre Blicke bestimmt früher aus seinen graugrünen Augen heben können.
Der zerrissene Himmel hätte ihr das Eintrittsgeld zurückgeben: Gott hätte sie wieder geliebt und die Liebe wäre wieder gewesen. Gott hätte ihr wieder verziehen und die Liebe wäre wieder gewesen. Gott hätte wieder geschwiegen und die Liebe wäre wieder gewesen. Und Jesus Christus hätte wieder gesprochen und das Leben wäre wieder gewesen.
Das Problem war aber, hatte Evelyn am Telefon zu Barbara gesagt, dass er noch nie Schmetterlinge im Bauch gehabt hätte.


8
Evelyns Gefühle könnten Barbara eigentlich egal sein.
Barbara rauchte zur Entspannung keine Zigarre. Sie hatte ja nicht gehört, wie Tommi wieder und wieder nach Luft schnappte: mit seiner kindlichen Stimme, mit diesem kindischen Tonfall…
Evelyn war nicht am Lenkrad eingeschlafen. Und Evelyn war auch nicht auf der Stelle tot gewesen - wie ihr Papi und so. Evelyn wollte weder nachhause fahren noch ihr Kind ein letztes Mal auf die Stirn küssen. Sie war zuhause und hatte ihren Kleinen mehrmals auf die Stirn geküsst, aber Evelyns Herz war nicht, ohne dass sie davon gewusst hätte, bei irgendeinem Transplantationszentrum vorgemerkt.
Evelyn wollte sich dafür auch nicht entschuldigen. Evelyn hoffte nicht mehr, dass sich ihre Probleme nun nicht mehr verschlechtern würden. Ihr fiel es nicht schwer zu gehen. Evelyn konnte nicht mehr glauben, was sie nicht mehr glauben konnte. Ihr Lächeln wurde einfach zum Teil irgendeiner Leiche. Evelyn konnte glauben, was Barbara glauben wollte. Ihre Augen schlossen und öffneten sich und wurden Teile irgendeiner Selbstmörderin, die eine knappe Minute zu spät gefunden wurde.
Evelyns Organe wurden nicht zur Explantation freigegeben, und die Herzentnahme geschah nicht als letzter Eingriff. Es wäre auch viel zu spät gewesen, um einen Kardiologen anzurufen. Das WC-Fenster war nicht geöffnet. Evelyn hatte die Toilettentür nicht einmal abgesperrt.
Barbara hatte den Zettel gefunden, auf dem ihre beste Freundin alles aufgeschrieben hatte, und er eine gute Minute und alles dreimal gelesen: Wie ihre beste Freundin es getan hatte und wo sie zu finden war.

Barbaras Herz wurde am Freitag in drei Plastikbeutel gegeben, die mit Salzlösung gefüllt waren, eingepackt in einer Kühlbox, die mit Eis gefüllt war, und bis zur Weiterverwendung drei Stunden eingelagert wurde. Evelyn hatte Tommi auch mit ihrer Dienstwaffe erschossen.
Barbara hatte den Hausarzt angerufen – nun, der hätte wie die Carabinieri sowieso kommen müssen. Tommis Papi hatte eine Viertelstunde lang geschrieen, bis der Rettungswagen gekommen war und Tommis Leichnam mitgenommen hatte. Der Hausarzt hatte dann die Carabinieri verständigt, und Tommis Papi, der Polizeihauptmeister, kam in seiner dunkelblauen Uniform mit dem typischen Kragenspiegel und Rangabzeichen des Ispettore Capo. Er sah aus wie eine weitere Leiche und fragte Evelyn, wo sein Kleiner sei. Also furchtbar, ganz furchtbar.
Evelyn sagte nicht, dass Tommis Papi wieder zu ihr zurückkommen sollte, und Tommis Papi sagte auch nicht, dass sie ihren Neger endlich vergessen soll. Der Polizeihauptmeister aus Napoli schrie, wie gesagt, eine Viertelstunde lang.
Da man keine Papiere bei Jesus Junior fand, fragte die junge Polizistin, wie der Schwarze hieße, der am Schlafzimmerboden läge. Drei Tage später fand man Evelyns Dienstwaffe. Dort, in der blutverschmierten Männertoilette der Klinik Cadarelli, wo Barbara sich dreimal in den Bauch geschossen hatte, konnte man weder Glück noch Unglück festhalten - ebenso wenig wie das Leben überall.


9
In der Nacht zum 9. Juni 2006 hatte Barbara einen Traum. Dieser Traum half ihr.
Barbara saß irgendwo in der übervollen Allianz Arena in München, gefesselt und mit einer grün-weiß-roten Augenbinde. Barbara sah nicht, was um ihr herum war und wie es weitergehen sollte. Aber da war ein kleiner Spalt in ihrer Augenbinde, und Barbara sah doch, dass das Spiel zwischen Frankreich und Italien in die Verlängerung geht. Barbaras größte Leidenschaft ist auf einmal europäischer Fußball. Barbara ist nun 36 Jahre alt. Barbara spielt die Rolle, die man ihr gibt. Barbara ist die Frau, die sie sein will. Barbara ist die Mutter, die sie sich immer vorgestellt hat. Barbara ist endlich das, was sie sein möchte. Barbara ist die Polizistin, die sie nie war. Barbara weiß, wer sie ist.
Dann war sie erwacht - neben ihr schnarchte Evelyn.

Am Morgen des 9. Juni 2006 fliegen Barbara und Evelyn gemeinsam zur Fußballweltmeisterschaft nach Deutschland. Barbara trägt Evelyns Uniform und ihre blausilbrige Dienstwaffe, und Evelyn das Ordensgewand ihrer besten Freundin sowie Barbaras weißgoldenes Kreuz.
Evelyn glaubt nun, dass Gott liebt und die Liebe ist. Evelyn glaubt, dass Gott verzeiht und die Liebe ist. Evelyn glaubt, dass Gott schweigt und die Liebe ist. Evelyn glaubt, dass Jesus Christus spricht und das Leben ist, glaubt, was andere niemals glauben können. Evelyn ist jetzt 35 Jahre alt. Evelyn ist Franziskanerin von der unbefleckten Empfängnis. Evelyns größte Leidenschaft wird immer Kriminalliteratur bleiben.
In der Nacht des 9. Juli 2006, hatte Evelyn geträumt, werden sie und Barbara wieder zurückfliegen, um ihrer jeweiligen Arbeit und ihren Leidenschaften nachgehen zu können.
Das Leben ist wunderschön, unabhängig davon, welche Meinung andere darüber haben.

Der Text war ein Auftragswerk für das Kulturzentrum Minoriten zum Thema "Sport und Kult"

(auch abgedruckt in: LICHTUNGEN 101. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik. 101/XXVI. Jg./2005)